Meine digitale Biografie
20. Juni 2009
von pia ziefle
Ich (Jahrgang 1974) gehöre einer Generation an, die an der Bruchkante der Internetsozialisation steht. Zwar hatten wir 1988 in der Schule einen Computerraum, es gab aber keinen Lehrer, der uns etwas zeigen konnte. Meistens durfte man sowieso nicht rein, weil Armin H. dort seine Zettel an die Monitore geklebt hatte mit “bitte nicht berühren, wird bis übermorgen rechnen” drauf. Heraus kamen dann irgendwelche Fraktale, mit dem 9-Nadeldrucker ausgedruckt und von den anderen Altphilologen bestaunt.
Was Rechner angeht, habe ich mir alles selber beigebracht, dunkle Stunden mit dem Lernprogramm von Works und dem schweigsamen Fraktalberechner. Wochenlanges Tetrisspielen. Sogar im Schlaf. Bis ich unbesiegbar war. Bin ich heute noch. Ja! (Der schweigsame Fraktalist hat irgendwann die Highscoreliste gehackt und sich uneinholbar an die Spitze gesetzt).
Als ich 1988 das allererste Mal das Textverarbeitungsprogramm von Works aufmachte, sagte er ungewohnt redselig zu mir: “Do, Mädle, do kascht schreiba.” Ich hatte tatsächlich die naive Vorstellung, dass ich nur ein Stichwort eingeben müsste, und der Computer würde für mich meine Texte herbeischaffen. Ja, das dachte ich.
1997 kam das Internet in mein Leben, ich erwähnte es bereits im Passwortartikel. Es war nicht gelogen, dass ich magische Kräfte am Werk wähnte wenn sich mein Modem eingewählt hat. Aus meinen Jahren als Gamerin war ich an Systemabstürze ja schon ziemlich gewöhnt (eigentlich nicht zu glauben, dass wir Lands of Lore tatsächlich von Diskette gespielt haben. Diskette!). Und Wintergames.
Welche Chancen sich mit dem Netz auftaten, konnte ich recht schnell abschätzen (auch wenn meine erste angesurfte Adresse damals www.lindenstrasse.de war). Mein ganzes Berufsleben baut auf der Existenz des Internet auf. Ich lernte. Was eine Suchmaschine ist. Damals gabs noch Altavista und Yahoo. Wie man Informationen beschafft. Gab ja noch nicht so viele. Ich war umgeben von Menschen, die sich mit webdesign befasst haben, während ich in meinem Erstberuf als Siebdrucker noch sehr analog dabei war. Erst als ich nach Berlin ging und in einer Werbeagentur anfing, bekamen emails (und das Netz) den Stellenwert, den sie heute haben. Später hatte ich mein eigenes Büro und schrieb ein paar Jahre lang Drehbücher für interaktive Medien.
Trotzdem bin ich ein absoluter Anfänger. Blogs, Podcasts, Chats, Newsgroups, Twitter – all das ging komplett an mir vorbei, durch den Wegzug aus Berlin und meine Familie. Bis Anfang des Jahres. Da holte es mich ein und jetzt hab ich tatsächlich ein eigenes Blog. Trotzdem habe ich nur eine vage Vorstellung davon, um was es sich bei einem “pingback” handeln könnte. Denn obwohl ich mir immer alles selber beigebracht hatte, war die Hürde all das Neue zu lernen, ziemlich hoch. Ich hatte allerdings ein Interesse daran, es zu lernen, weil ich eine Idee hatte, was ich damit machen will.
Und hier müssen wir ansetzen, denn keiner lernt was oder setzt sich auseinander, wenn er keine konkrete Verwendung dafür hat. Wenn wir also wollen, dass die “anderen” (zu denen ich eigentlich auch noch gehöre) uns verstehen, müssen wir ihnen zeigen, was sie selber können und dem Gefühl, es handle sich beim “Internet” um die Dunkle Seite der Macht, etwas entgegensetzen. Der schweigsame Fraktalist von damals hat heute übrigens eine immer noch unglaublich erfolgreiche Firma. Für Software und irgendwas mit Internet.
Hallo Pia,
schöner Artikel. Sicher auch weil ich dem (fast+1) selben Jahrgangs angehöre und viele Ähnlichkeiten feststelle.
In einem Punkt möchte ich Dir aber widersprechen, nämlich in diesem: “Und hier müssen wir ansetzen, denn keiner lernt was oder setzt sich auseinander, wenn er keine konkrete Verwendung dafür hat.”
Das empfinde ich, auch aus ständig eigener Erfahrung, als nicht so pauschal richtig an. Denn neben den auf eine direkte Anwendung zugeschnittenen gelernten Themen, kommen auch die Erfahrungen aus Fehlern, Experimenten und Zufällen hinzu. Gerade die werden meist nicht so langweilig empfunden wie die von der Pflichtlektüre
Doch noch entscheidender finde ich das Interesse an Wissen, an neuen Dingen, an dem inneren Streben nach Weiterentwicklung. Ich denke dabei nicht nur an die Hochwissenschaft oder an Universitäten, sondern auch an den durchschnittlichen und aufgeschlossenen Bürger.
Vielleicht kann man damit auch einen Vergleich zu dem Interesse an neuen Medien oder auch an neuen Anwendungen im Web setzen. Da ja gerade bei manchen bunten und sehr flashigen Web-Anwendungen der genaue Sinn bzw. dessen genauer Vorteil im Bezug zur praktischen Anwendung gerade bei der Registrierung noch verborgen bleibt. Trotzdem besteht eine gewisse Art von Energie sich unbedingt Zugang zu dem Service zu schaffen, selbst wenn man dabei sogar einige persönliche Daten Preis geben muss.
Selbst beim allgemeinen Surfverhalten gibt es Momente wo man in Themenbereiche vorstösst die mit dem in Google eingegebenen Suchbegriff nichts mehr zu tun haben. Vielleicht auch nur durch Zufall oder z.B. durch einen fremden Tweet inspiriert.
Ich denke man sollte vor der Darstellung eines genauen Nutzen für die “anderen” im Internet, eine Aufklärung des selbigen betreiben. Denn so lange die, von Dir treffend beschriebene, Darstellung von einer “dunklen Macht” im/um das Internet besteht, wird es weiterhin eine durch eine gewissen Art von Angst durch Unwissenheit weiter vorangetrieben Masse an Menschen geben die dem Medium Internet weiterhin eine ablehnende Haltung entgegensetzen.
Es muss natürlich von der anderen Seite auch ein gewisses Interesse an Aufklärung bestehen – siehe Internetausdrucker.
Gruss promoter4web